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Was würdest du tun, wenn dir nur noch ein Jahr bleibt?

Die Frage, die meinen Blick aufs Leben verändert

Was würdest du tun, wenn die wüsstest, dass dir nur noch ein Jahr bleibt?

Keine einfache Frage. Und vermutlich auch keine, mit der du dich gerne beschäftigst. Trotzdem steckt darin eine erstaunliche Klarheit. Denn sobald wir uns bewusst machen, dass unsere Zeit begrenzt ist, verändert sich unser Blick auf das Leben. Plötzlich verlieren viele Dinge an Bedeutung. Der Ärger über Kleinigkeiten wird kleiner. Aufgaben, die gestern noch dringend wirkten, erscheinen weniger wichtig. Dafür rücken andere Fragen in den Mittelpunkt:

  • Was möchtest du noch erleben?
  • Mit welchen Menschen möchtest du deine Zeit verbringen?
  • Und was macht dein Leben wirklich lebenswert?

Ich stelle mir diese Frage ungefähr einmal pro Jahr. Sie hilft mir, mein Leben bewusster auszurichten. Sie erinnert mich daran, dass Wünsche nicht dafür da sind, irgendwann einmal erfüllt zu werden. Sie wollen gelebt werden.

Genau deshalb führe ich eine Bucketlist mit Dingen, die ich in meinem Leben erleben möchte. Einer dieser Punkte stand viele Jahre darauf: Theater spielen. Bereits in der Oberstufe besuchte ich das Wahlfach Theater. Es machte mir damals viel Freude und deshalb nahm ich mir vor, irgendwann wieder auf einer Bühne zu stehen. Letzten Sommer war es dann so weit. Ich besuchte einen Infoanlass der Bühne Amt Entlebuch und wenige Wochen später sass ich nervös beim ersten Casting. Tatsächlich bekam ich eine Rolle und im November starteten die Proben.

Wenn der Traum anders wird als erwartet

Wenn ich ehrlich bin, habe ich diesen Entscheid zwischendurch mehr als einmal hinterfragt. Das Projekt beanspruchte deutlich mehr Zeit, als ich erwartet hatte. Proben an Abenden, intensive Wochenenden und die ständige Herausforderung, Beruf, Alltag und Theater miteinander zu verbinden. Dazu kamen Nervosität, Zweifel und die Frage: Lohnt sich dieser Aufwand wirklich? Noch herausfordernder war allerdings etwas anderes: Ich musste meine Komfortzone verlassen.

Meine Rolle verlangte von mir, Seiten zu zeigen, die ich von mir selbst kaum kannte. Gefühle auszudrücken, Verhaltensweisen anzunehmen und in einen Charakter einzutauchen, der mir persönlich fremd war. Gleichzeitig begegnete ich Menschen, die kreative Prozesse ganz anders angingen, als ich es gewohnt war.

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Foto: Martin Dominik Zemp, Projekt Santa Cruz, Bühne Amt Entlebuch

Ich schätze Struktur, Planung und Verlässlichkeit. Im Theater durfte ich erleben, dass kreative Prozesse oft anderen Regeln folgen. Was heute beschlossen wurde, konnte morgen schon wieder anders sein. Ideen entstanden spontan. Abläufe veränderten sich. Vieles entwickelte sich erst unterwegs. Genau das brachte mich immer wieder an meine Grenzen. Doch genau darin lag die wichtigste Lektion.

Denn oft glauben wir, dass eine Erfahrung dann gelungen ist, wenn sie unseren Erwartungen entspricht.

Wenn sie sich genauso entwickelt, wie wir es geplant haben. Das Leben funktioniert jedoch selten so. Manchmal erfüllen sich Wünsche auf eine Weise, die wir niemals erwartet hätten. Sie bringen Herausforderungen mit sich, die wir nicht eingeplant haben. Sie kosten mehr Zeit, Energie und Mut, als wir ursprünglich bereit waren zu investieren.

In solchen Momenten entsteht schnell der Eindruck, dass wir einen falschen Entscheid getroffen haben. Dabei ist es oft genau umgekehrt. Die Erfahrung ist nicht falsch. Sie ist einfach anders.

Anders bedeutet nicht schlechter

Diese Erkenntnis begleitet mich seit den vergangenen Wochen. Die Theaterproben waren nicht die leichte, unbeschwerte Erfahrung, die ich mir vorgestellt hatte. Sie waren intensiver, fordernder und anstrengender. Gleichzeitig schenkten sie mir Begegnungen, die ich sonst nie gehabt hätte. Und die Aufführungen übertrafen alles, was ich mir ausgemalt hatte: Die Herzlichkeit der Zuschauer, das Miteinander hinter der Bühne und die Erkenntnis, dass ich mehr kann, als ich mir selbst zugetraut habe.

Gerade weil vieles anders lief als erwartet, habe ich unglaublich viel gelernt. Nicht nur über das Theater. Sondern auch über mich selbst. Vor allem aber hat mich diese Erfahrung daran erinnert, warum neue Erfahrungen so wertvoll sind. Sie erweitern unseren Horizont, zeigen uns neue Möglichkeiten und bringen uns dazu, unsere eigenen Grenzen neu zu betrachten.

Wachstum entsteht genau dort, wo wir bereit sind, etwas anders zu machen.

Deshalb meine Fragen an dich:

  • Welcher Wunsch begleitet dich schon seit Jahren?
  • Welche Erfahrung möchtest du machen, bevor du irgendwann auf dein Leben zurückblickst?
  • Und was hält dich tatsächlich davon ab?

Vielleicht gibt es etwas, das du schon viel zu lange auf später verschiebst. Wenn du willst, kannst du aber noch heute den ersten Schritt tun. Denn die wertvollsten Erfahrungen verlaufen selten genau so, wie wir sie uns vorstellen. Trotzdem bereichern sie unser Leben oft auf eine Weise, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten. Anders bedeutet nicht schlechter. Manchmal bedeutet es sogar viel mehr.

Nicole Zemp
Nicole Zemp
Mit einer tiefen Liebe zur Natur und einem Interesse für ihre Gesetzmässigkeiten und Rhythmen schöpft Nicole Inspiration aus jeder Jahreszeit. Empathisch, herzlich und voller Dankbarkeit lässt sie diese Werte in ihre Arbeit und Texte einfliessen. Als ausgebildete Drogistin, Kinesiologin und Komplementärtherapeutin mit eidg. Diplom verbindet sie fundiertes Fachwissen mit einem ganzheitlichen Blick auf Körper, Geist und Seele – stets mit dem Ziel, Menschen auf ihrem Weg zu Wohlbefinden und innerem Gleichgewicht zu begleiten.

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